45 Min – die Atomlüge

Im Rahmen der Dokumentarreihe 45 Min versucht das Reporterteam des Norddeutschen Rundfunks die scheinbar einfache Frage beantworten: Wie sicher ist Atomkraft wirklich?

Autorin Gesine Enwaldt führt dabei anhand des Beispiels Krümmel die Vor- und Nachteile auf und lässt verschiedene Stimmen zu Wort kommen.

„Wenn der Mensch versagt, ist die Technik da, die einspringt.“
Die Dokumentation nimmt ihren Ursprung in dem meldepflichtigen Störfall Nummer 301 im Jahr 2007:

Trafobrand im Kernkraftwerk Krümmel, nur die automatische Schnellabschaltung verhindert nach menschlichem Fehlverhalten und Versagen eine riesige Katastrophe.

„Ein gewisses Restrisiko bleibt immer.“
Es ist schon erstaunlich, dies von einer Pressesprecherin eines Atomkraftwerks zu hören. Ganz gleich ob Brunsbüttel, Krümmel oder Forsmark: In den Jahren 2006 und 2007 erlebte Nordeuropa an gleich drei Vattenfall-Standorten mehrere Beinahe-GAUs; in Forsmark war die Kraftwerksleitung ganze 20 Minuten blind, als die Anzeigen ausfielen – 20 Minuten lang bestand unmittelbar das Risiko einer Kernschmelze.

Interessanterweise wurde nach dem Vorfall der Chef von Vattenfall Deutschland, ein Betriebswirtschaftler, durch einen Kommunikationsstrategen ersetzt. Dabei möchte ich dem geneigten Leser in Erinnerung rufen, dass der Kopf einer Firma und seine Denkweise stets die strategische Ausrichtung eines Unternehmens bestimmt. Mit anderen Worten: Nachdem jahrelang nur harte Zahlen für die Konzernspitze zählten, überwiegt nun das inhaltslose Lächeln. Wie nett!

Lügen mit Statistiken: die KiKK-Studie
Neben vielen Punkten, die der Film behandelt, ist die Sache mit der sogenannten KiKK-Studie wohl die erschüttenderndste: Denn die maßgebliche Studie behandelt die Krebsraten von Kindern im Umkreis von Kernkraftwerken.

Kritiker wie der Epidemiologe Eberhard Greiser merken jedoch an, dass die Statistiken der Bundesregierung alles andere als verlässlich sind. Denn was in der KiKK-Studie nicht auftaucht, sind die kompletten Zahlen:

So ist eines der Lieblingsargumente der Atomindustrie – und interessanterweise auch des deutschen Krebsregisters, das diese Zahlen erhebt und auswertet, dass es auch Häufigkeitscluster in Deutschland gibt, wo kein Atomkraftwerk in der Nähe steht; dabei wird stets die Gemeinde Sittensen in Niedersachsten als Fall bemüht, da dies übrigens der einzige Fall war, der eine vergleichbar hohe Anzahl an Leukämie bei Kindern aufweist. Dieser Fall ist jedoch längst widerlegt: Schuld war offenbar eine Röntgenpraxis, die Kinder übermäßig oft bestrahlte.

Der Leiter des deutschen Krebsregisters in Mainz, Dr. Peter Kaatsch, zählt jedoch lediglich 29 Leukämiefälle bei Kindern im Umkreis von fünf Kilometern, die übrigens im unteren Durchschnitt liegen; die Krebsrate steigt allerdings signifikant in einem Umkreis bis zu 50 Kilometern, wobei die größte Häufung der Fälle in einem Radius von 10 bis 20 Kilometern liegt. So werden statistisch gesehen 246 Menschenleben pro Kraftwerk nicht gezählt – Kollateralschaden unseres Wohlstandes?

Geld machen um jeden Preis
Wir dürfen nicht vergessen, dass Kernkraftwerke nach der Abschreibung im Grunde genommen reine Gelddruckmaschinen sind, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der steigenden Strompreise: So kann je Kraftwerk Energie im Wert von etwa einer Million Euro produziert werden – pro Tag!

Aktiver Terrorschutz?
Flugzeugangriffe sind glücklicherweise völlig ausgeschlossen: Sollte sich ein Terrorist beispielsweise dem Kraftwerk Krümmel auf 800 Meter Flughöhe nähern, reagiert die deutsche Bürokratie wie geölt und verschickt schon wenige Tage später Verwarnungen per Brief. Auch die Hafenpolizei taucht sofort mit einem kleinen Boot und zwei Mann Besatzung auf, um potentiell mit Sprengstoff beladene Wasserfahrzeuge abzufangen.

Eine Gruppe bis zu den Zähnen mit Transparenten und Farbe bewaffneter Greenpeace-Aktivisten schafften es dennoch im Juni 2009, die Kühlkuppel des Kernkraftwerks Unterweser zu besetzen – verletzten damit allerdings laut dem Betreiber keinerlei sicherheitsrelevante Bereiche.

Das Fazit zum Film: Absolut sehenswert!
Die Dokumentation ist erstaunlich gut recherchiert und lässt alle Seiten zur Sprache kommen. Gleichzeitig rückt er das Thema auch politisch und gesellschaftlich in die richtige Perspektive: Objektiv und sachlich, aber ebenso frustrierend und ernüchternd wird deutlich: Das Quo Vadis der Atomindustrie ist der Status Quo: Nach oben bücken, nach unten treten und Vorfälle weiter mit Lügen und Beschwichtigungen öffentlich glattbügeln. Tschernobyl 1987 – Krümmel 2010?

Den ganzen Film kann man im kostenfreien Online-Stream auf der Homepage des NDR unter der Rubrik „45 Min“ zu sehen: http://www3.ndr.de/sendungen/45_min/videos/atomluege114.html

Leider geht es den meisten Leuten einfach um die Tatsache: „Hauptsache Billiger Strom„, wie der Atomstrom oft fälschlicherweise auch von den Medien bezeichnet wird. Lesen Sie dazu auch unsere Teile zur Atomenergie: http://www.energieblog24.de/category/atomenergie/